Exkursion Cassonsgrat 2015

Exkursion Cassonsgrat 2015 / Text und Fotos von Jürg Hosang

Alle Anzeichen sprachen bereits am Freitag für ein erlebnisreiches Wochenende mit dem Mornellregenpfeifer. Der Wetterbericht prognostizierte strahlenden Sonnenschein, und zum einführenden Filmabend hatten sich 12, für die Exkursion vom Sonntag 19 Teilnehmende angemeldet! Der Dokumentarfilm von Ernst Arendt und Hans Schweiger hielt, was er versprach, und die anwesenden Vereinsmitglieder waren fasziniert und gerührt von der auf der Leinwand miterlebten Vertrauensbeziehung zwischen dem Menschen und eben diesem besonderen Vogel namens Mornellregenpfeifer.

Und danach waren alle gespannt, was der Sonntag bringen würde. – Leider, wir konnten es kaum glauben, brachte er keinen Mornellregenpfeifer! Die Vogelwelt zeigte sich diesmal von ihrer unberechenbaren Seite. Die ornithologische Ausbeute blieb mager. Frei herumspringene Hunde haben bestimmt ihren Teil dazu beigetragen. Trotzdem gab es keine langen Gesichter.

Die Vereinsmitglieder genossen das Beisammensein in einer atemberaubenden Umgebung, bei stahlblauem Himmel und folgten aufmerksam den engagierten geologischen Ausführungen unseres Vereinsmitgliedes Ruedi Zuber zur Tektonikarena Sardona, welche er uns hier erfreulicherweise nochmals zusammengefasst hat:

«Alte über jüngeren Gesteinen – wie ist das möglich? Dies zu erklären und nachvollziehen zu lassen, war das Hauptanliegen meiner geologischen Führung auf dem Cassonsgrat.»

Vielfältige Verwitterungs- und Erosionsprodukte früherer Gebirge lagern sich im Verlauf von Jahrmillionen an der Erdoberfläche in Tälern, Seen, Meeren und Wüsten übereinander ab. Dabei kommen in der Regel jüngere auf ältere Schichten zu liegen und verfestigen sich zu Gesteinen. Durch die Kollision der Kontinente Ur-Afrika und Ur-Europa kam es im Gebiet des heutigen Vorderrheintals vor rund 20 bis 40 Millionen Jahren zu hohen Drucken, unter welchen die Gesteine zusammengestaucht, verfaltet, gebrochen oder paketweise übereinander geschoben wurden. Das weltweit bekannteste Beispiel ist die hier nachvollziehbare Glarner Hauptüberschiebung. Dabei wurden kilometerdicke Pakete rund 40 Kilometer nach Norden geschoben. Die Schubbewegung erfolgte in einer Tiefe von 12 bis 16 Kilometern unter der damaligen Geländeoberfläche und mit einer maximalen Geschwindigkeit von wenigen Zentimetern pro Jahr. Im Überschiebungsbereich herrschten Temperaturen von bis zu 320°C und Drucke von bis zu 5 Kilobar.

Vertikal betrachtet, befindet sich der Cassonsgrat im Grenzbereich der an Ort und Stelle abgelagerten Sedimente und des überschobenen Schichtpaketes. Hier, mitten im UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona, bietet sich ein einzigartiger Ausblick auf die helle „magische Linie“, welche eigentlich den Rest der Überschiebungsfläche beinhaltet.

Über dieser Linie liegen meist dunklere, massige, wandbildende Gesteine. Diese sogenannten „Verrucanogesteine“ sind 250 bis 300 Millionen Jahre alt. Unter der Linie liegen im nördlichen Teil des Weltnaturerbes (Sool, Weisstannental, Pizolgebiet) bräunliche, verschieferte Gesteine, sogenannte „Flyschgesteine“, mit einem Alter von 35 bis 50 Millionen Jahren. Im südlichen Bereich (Ringelspitz, Cassonsgrat, Piz Grisch) befinden sich hellgraue, etwa 100 bis 150 Millionen alte Kalkgesteine direkt unter der Linie. Im Bereich Tschingelhörner-Foostock liegen die hellgrauen Kalke zwischen den bräun-lichen Flyschgesteinen und den Verrucanogesteinen. Bei diesen Kalken handelt es sich um Gesteinspakete, die unter der grossen Schubmasse „mitgeschleppt“ wurden. An der Linie selbst liegt das „Schmiermittel“, ein meist nur knapp 0,5 Meter mächtiger, gelblich anwitternder marmorartiger Kalk, der sogenannte „Lochsitenkalk“.

Im Verlauf von mehreren Jahrmillionen wurden die Gesteinsmassen unterschiedlich stark gehoben und der Verwitterung ausgesetzt. Von der spektakulären Gebirgsbildung sind heute auf der Oberfläche vor allem Felsrücken, Erosionsformen, Talbildungen, Schluchten, Moränenlandschaften und Schwemmebenen zu erkennen. Verschwundene oder stark schwindende Gletscher, wie beispielsweise der Segnasgletscher, bringen eine Landschaft zum Vorschein, wie man sie in einer ähnlichen Form bereits in den Zwischeneiszeiten antreffen konnte.

Ruedi Zuber ist GeoGuide, Wanderleiter, Forstingenieur

Schliesslich gab es vor der Talfahrt an der Bergstation mit den unvergleichlichen Segelflügen der Alpendohle und einer überraschenden Begegnung zwischen Murmeltier und Alpenbraunelle doch noch ein wenig Cassonser-Alpentierwelt zu bestaunen. Wir kommen wieder!

Rahmentext und Fotos: Jürg Hosang