Das Alpenschneehuhn und die Alpenazalee - Überlebenskünstler in Schnee und Wind

Text: Natalina Signorell

Das Alpenschneehuhn (Lagopus muta) und die Alpenazalee (Loiseloira procumbens) – sie bewohnen nicht nur, wie ihr Name verrät, den gleichen Lebensraum, sie haben beide bemerkenswerte Anpassungen an ein Leben weit oberhalb der Baumgrenze entwickelt. Besonders der Winter stellt beide Arten vor grosse Herausforderungen: wer die kalte Jahreszeit auf z. T. weit über 2000 m ü. M. überleben will, muss über ausgeklügelte Strategien verfügen. Dass sich das Alpenschneehuhn v.a. im Winter von der Alpenazalee ernährt ist eine von diesen Anpassungen, natürlich nur für das Schneehuhn. Aber der Reihe nach.

Die Alpenazalee ist eine zierliche Pflanze, die Polster ausbildet. Polsterbewuchs ist besonders für Pflanzen typisch, die in kalten, z. T. windexponierten Lebensräumen vorkommen. Pflanzen, die dicht am Boden Polster ausbilden, sind dem Wind weit weniger exponiert als Pflanzen, die höher sind, wie z.B. die Zwergsträucher Moorbeere, Heidelbeere und Preiselbeere. Ausserdem bewirkt der Polsterwuchs nicht nur ein günstiges Mikroklima, die abgestorbenen Blättchen und Blüten bleiben direkt im Polster, werden zu Humus und stehen der Pflanze wieder als Nährstoffe zur Verfügung.

Die gegenständigen, dick-ledrigen und sehr kleinen (etwa einen halben Zentimeter langen) Blätter haben eine dunkelgrüne Ober- und eine bläulich-weiße Unterseite. Sie sind auch im Winter grün. Der glatte Rand der Blätter ist nach unten eingerollt. Die Spaltöffnungen, durch die Pflanzen CO2 aufnehmen und Wasser verdunsten, sind so geschützt, d.h. die Pflanzen sind viel besser vor Austrocknung durch den Wind geschützt als Pflanzen ohne eingerollte Blätter. Ausserdem kann die Pflanze Wasser auch durch die Blätter aufnehmen. Dies geschieht im Sommer durch Aufnahme des Tauniederschlags oder im Winter durch das Aufsaugen der Bodenfeuchtigkeit beim Auftauen des Schnees bzw. der obersten Bodenschichten.

Die kräftige Hauptwurzel der Alpenazalee reicht tief ins Erdreich hinein und ist so vor Frost geschützt. Die Blättchen enthalten spezielle Stoffe, die den Gefrierpunkt des Wassers herabsetzen können und als Frostschutzmittel dienen. Ausserdem ist die Alpenazalee, wie viele Alpenpflanzen, vor hoher Sonneneinstrahlung bestens geschützt: sie lagert besonders im Sommer so genannte Anthocyane in die Blättchen, die ihnen eine rostrote Blattfarbe verleihen und als wirksamer Sonnenschutz dienen.

Die verholzten und dicht beblätterten, niederliegenden Zweige werden bis zu 45 Zentimeter lang. Sie tragen zur Blütezeit viele, etwa einen halben bis 1 Zentimeter große, glockenförmige, kurzstielige Blüten. Dabei haben sich die Blütenknospen schon im vorhergehenden Herbst entwickelt, so dass die Blüte im Frühjahr unmittelbar nach der Schneeschmelze einsetzen kann.

Die fettreichen Blätter (11% der Trockensubstanz) der Alpenazalee dienen im Winter als energiereiche Nahrung für Gämse (volkstümlich wird dieses hübsche Pflänzchen auch als Gams-, Gems- oder Gämsheide genannt), Alpensteinbock, Schneehase und, genau!, Schneehuhn. Diese sehr fettreiche Nahrung ist den Alpenschneehühnern sehr willkommen, besonders weil der Aufwand, sie zu finden, sehr gering ist: Alpenazaleen wachsen häufig an windexponierten Stellen, wo die Konkurrenz durch andere Pflanzen geringer ist und wo im Winter allerdings auch weniger Schneeschutz vorhanden ist. Die Pflänzchen müssen also nicht erst mühsam ausgegraben werden.

Für Alpenschneehühner ist der Winter allerdings – dank ihren zusätzlichen Anpassungen – kein grosses Problem. Sie haben eine warme Daunenjacke praktisch eingebaut: jede Körperfeder ist immer mit einem zweiten Daunenfederchen versehen, alle Federchen zusammen ergeben da eine wohlige Wärme, auch wenn Minustemperaturen herrschen. Wenn die Temperaturen dennoch selbst für Schneehühner zu niedrig sind, lassen sie sich entweder einschneien oder graben sich eine Schneehöhle, ähnlich wie die Birkhühner. In so einem Iglu herrschen – für Raufusshühner – tropische Temperaturen um die 10-12°C. Auch Schneeschuhe haben die Vögel bereits „integriert“, sind ihre Füsse doch stark befiedert, was der Oberflächenvergrösserung dient und ein müheloses Spazieren auch auf Neuschnee ermöglicht (Raufusshühner sind, wie alle Hühner, lieber zu Fuss als fliegend unterwegs).

So stellt der Winter für beide hier vorgestellten Arten, dank ihren hervorragenden, ganz individuellen Anpassungen an Schnee und Kälte, gar kein grosses Problem dar. Viel problematischer sind für Alpenschneehühner Störungen durch den Wintertourismus und für die Alpenazalee Schäden durch Pistenbegradigungen oder schwere Maschinen in touristisch genutzten Gebieten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alpenazalee

Foto: Martin Häusler