Im Bann der Kraniche

Eine Erlebnisreise zu den „Vögeln des Glücks“ in den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft in Zingst vom 4.Okt. – 18.Okt. 2012

Der Nationalpark ist mit seiner Gesamtfläche von 80‘500 Hektar der grösste seiner Art in Ostdeutschland. Er umfasst Teile der Ostsee und weite Bereiche des Boddens sowie Gebiete der Halbinsel Darss-Zingst und Westrügens, einschliesslich der Insel Hiddensee. Das Gebiet besteht aus 132 Quadrat-kilometern Land und 673 Quadratkilometern Wasserfläche. Im Nationalpark zeigen sich erdgeschichtlich sehr junge Landschaftsformen mit starker Durchdringung von Land- und Wasserflächen. Die Küstenbereiche bilden als international bedeutende Lebensräume für Brut- und Zugvögel die Grundlage für den Status des Nationalparkes als Europäisches Vogelschutzgebiet. Die Kraniche stellen die für den Nationalpark markanteste der vielen Vogelarten dar. Der jährliche Herbstzug dieser unglaublich faszinierenden Vögel hat uns veranlasst, wieder einmal in diese wunderschöne Region zu reisen.

Nachdem wir im Jahr 2008 per Nachtzug angereist und 19 Std. unterwegs waren, wählten wir für diese Reise den Flug von Zürich nach Rostock mit Taxi-Transfer direkt zur Ferienwohnung. Zingst, unser Feriendomizil liegt auf der gleichnamigen Halbinsel und bietet viele interessante Ausflugsmöglichkeiten.

An den Nationalparktagen besteht die Möglichkeit zu einer Wanderung auf dem Ostzingst durch die Kernzone an den Strand. Hier kann sich die Natur noch frei entfalten, denn keine Dämme behindern die Ostsee in stürmischen Zeiten, das Ufer neu zu gestalten. Die ganze Dramatik bietet sich dem Besucher auf dieser Wanderung dar. Uralte, umgestürzte Bäume säumen das Ufer, bis sie von einem nächsten Sturm weggespült und an einem andern Ort wieder angelandet werden. Der Sand wird von Wind und Wellen ostwärts verfrachtet, wo er sich als sogenanntes Windwatt wieder ablagert. Das Windwatt ist ein sehr wichtiger Rastplatz für Limikolen und Kraniche, welche zur Zugzeit im Frühling und Herbst zu tausenden hier rasten.

Einflug
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Ein weiteres, geschütztes Gebiet liegt direkt vor Zingst, nur durch den schmalen „Zingsterstrom“ getrennt, die Insel Kirr, als bedeutendes Brut- und Rastgebiet für unzählige Vogelarten. Besonders die Brandseeschwalben schätzen die ruhige Insel, ebenso wie Säbelschnäbler, Uferschnepfen, Rotschenkel und Lachmöwen. Die Insel Kirr wird jedes Frühjahr von Naturschützern von Bodenfeinden gesäubert, welche im Winter übers Eis auf die Insel gelangten. So ist Kirr ein sicherer Platz für Brut und Rast. Die Kraniche suchen für die Übernachtungen immer einen abgelegenen Ort, der möglichst kilometerweit freie Sicht, sowie flaches Wasser bietet und der vor allem störungsfrei ist. Da die Kraniche normalerweise in knietiefem Wasser übernachten, ist es die Ausnahme, dass sich die Vögel zu tausenden auf Kirr niederlassen, weil die Insel frei von Räubern ist. Und erstaunlich ist, dass sie relativ nahe der „Zivilisation“ rasten, was für uns Beobachter natürlich sehr komfortabel ist, die Vögel zu bewundern, ohne sie zu stören. Was sich täglich morgens und abends abspielt, ist kaum in Worte zu fassen. Die Geräuschkulisse und der Anblick der einfliegenden Vögel übertreffen alle Vorstellungskraft. Wenn sich dann die Kraniche zur Nachtruhe auf Kirr niederlassen, erblickt man auf der Insel Teppiche von grauen Körpern.
Besonders eindrucksvoll ist der Abflug morgens bei Tagesanbruch auf der „Meiningenbrücke“ zu beobachten. Gewöhnlich starten die verschiedenen Gänsearten wie Grau-, Kanada-, Bläss- und Weisswangengans als Erste. Mit lauten Rufen überfliegen sie die Beobachter, ehe sie die nahegelegenen Felder zur Nahrungsaufnahme ansteuern. Dann erscheinen die Kraniche in riesigen Trupps oder endlosen Ketten, natürlich mit ihren faszinierenden Rufen. Sie werden im Hinterland die abgeernteten Maisfelder aufsuchen und sich tagsüber Reserven für den Flug ins Winterquartier anfuttern. Die einzelnen Gruppen halten sich ca. 3 Wochen im Gebiet auf. Da es ein stetes Kommen und Gehen ist, rasten unterschiedlich viele Kraniche in der Gegend. Wir hatten das Glück, den Höhepunkt des Zuges zu erleben, wo sich 66‘000 Kraniche in dieser Region aufhalten. Damit die Vögel den Bauern die frische Saat nicht abfressen, werden Ablenkfütterungen angeboten.

Noch ein faszinierendes Naturschutzgebiet ist der Darss. Seit 1990 ist dieser junge Teil unter Schutz gestellt, wobei Besucher auf markierten Wegen zu Fuss, per Pferdekutsche oder Fahrrad den wunderschönen Wald erkunden können. Der Darss, zwischen Ostsee und Bodden gelegen, strahlt einen einzigartigen Reiz aus. Er ist ein grossartiges Beispiel für Abtragung- und Anlandungsprozesse an einer Ausgleichsküste. An der Westküste wird durch Sturm und Wellen eine stete Veränderung vollzogen. Die Ostsee unterspült die Westküste und Küsten-strömungen transportieren den Sand in Richtung Nordosten und lassen Land-zungen in das Meer hinauswachsen.
Der nördliche Teil, der Neudarss wuchs erst in den letzten 2500 Jahren ins Meer hinaus. Sandbänke im flachen Wasser wurden zu Strandwällen, Reffe genannt,eingeschlossene Seen verlandeten und wurden zu sogenannten Riegen. Es entstand ein wunderschöner, abwechslungsreicher Wald mit Kiefern, Erlen, Birken, Eichen und Buchen. Der Wald ist ein Eldorado für ca. 130 brütende Vogelarten: Singvögel, Watvögel, Greifvögel, sowie Wasservögel und Kraniche, welche sich in den feuchten Senken des Erlenbruches sicher fühlen.
Durch den Wald gelangt man auf sehr angenehmen Wander-und Radwegen an den Weststrand mit seinen bekannten „Windflüchtern“. Diese Bäume sind dem steten Westwind ausgeliefert, dass ihre Kronen alle gegen Osten gebogen sind.

Auf einer Rundwanderung am Darsser-Ort erlebt man hautnah die Bildung neuen Landes. Ein Bohlensteg führt durch das jüngste Land auf dem Darss. Vom Strand durch Weiss-, Grau-, Braundünen wandert man bis zum jungen Dünenkiefernwald.
Auf den Dünen am Meeresufer erblicken wir ein Rudel Rothirsche, welche mitten am Tag am Äsen und Wiederkäuen sind. Da die Tiere nicht bejagt werden, können sie zu jeder Tageszeit beobachtet werden. Welch ein Anblick, Hirsche in den Dünen und Silberreiher am Dünensee.
Aber, nicht genug der Überraschungen, denn am Wegrand im Wald nahe beim Leuchtturm Darsser-Ort durchwühlen einige Wildschweine den Boden auf der Futtersuche. Sie lassen sich durch die Wanderer nicht stören.
Einen Besuch statteten wir auch dem Ozeaneum in Stralsund ab. In dieser sehr eindrückli-chen Ausstellung führt der Weg auf einer Reise vom Stralsunder Hafenbecken über die Nordsee ins Polarmeer. Der Besucher erhält Einblicke in die unterschiedlichen maritimen Lebensräume von den Bodden bis zum offenen Atlantik. Erstaunlich ist die Artenvielfalt in den verschiedenen Aquarien.

Die Kraniche jedoch bildeten immer den Mittelpunkt unseres Aufenthaltes in dieser wunderschönen Gegend. Unvergesslich sind die Beobachtungen, denn täglich führte uns der erste oder letzte Spaziergang zu den „Vögeln des Glücks. Ihre Rufe begleiteten uns sogar durch die Nacht.

Doris und Remo Metzger