Reise in den Urwald von Bialowieza

Reise in den Urwald von Bialowieza und die Sümpfe Nordostpolens
vom 23. April – 2. Mai 2010

Verschiedene große Nationalparks sowie über 500 Naturreservate beweisen, dass Polen dem Naturschutz große Priorität zuweist. 1992 wurde der große urtümliche Waldkomplex von Bialowieza, als grenz-überschreitender Nationalpark (polnisch/russisch 930 km²) unter Schutz gestellt und 1997 zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Es ist der größte europäische Urwald mit dichten Nadel- und Laubholzmischwälder, Waldlichtungen und Sumpfflächen. Integriert ist ein Wisent-Schutzgebiet, wo um die 450 Exemplare leben. In der Kernzone, in der ca.160 Brutvogelarten leben, beobachten wir div. Spechtarten, Sperlingskauz, Rotdrossel, Halsbandschnäpper usw.

Anschliessend wechseln wir in den Bereich der Biebrza-Sümpfe, dem größten Sumpfgebiet (2000 km²) Europas mit Torfmooren und Sumpfwäldern sowie dem angrenzenden Sumpftal des Narew mit seinen weitverzweigten Flussarmen, Schilfzonen und Sümpfen. 1993 wurde der Kernbereich als Nationalpark unter Schutz gestellt.
Ausgesprochen vielseitig ist die Vogelwelt dieser Lebensräume, welche selten gewordene Vogelbeobachtungen ermöglicht, wie jene von Kranichen, See-, Fisch-, Schrei- und Schelladlern, Schwarzstörchen, Doppelschnepfen oder östlichen Arten wie Karmingimpel, Weissrückenspecht, Halsband- schnäpper und Seggenrohrsänger. Von einem PTOP-Beobachtungsturm suchen wir in den überschwemmten Wiesen Kampfläufer, Uferschnepfe, Sing- und Zwergschwäne, Trauer-, Weissflügel- und Weissbartseeschwalben.

Dies sind Fakten, die uns bewogen, nochmals in diese Gebiete zu reisen, nachdem wir im Jahr 2007 dort
wunderschöne Ferien verbrachten. Diesmal hat Michaela Bauer gemeinsam mit uns die Reise organisiert.
Eine kleine Gruppe Bündner Ornithologen freut sich auf die Reise vom 23. April – 2. Mai 2010.
Unterdessen, Mitte April, hat ein riesiger Vulkanausbruch in Island eine drohende Aschewolke über Europa
geschickt, sodass das Fliegen zur „Lotterie“ wurde. Deshalb beschlossen wir, per Bahn nach Warschau zu fahren. Nach 19 Stunden Bahnfahrt erreichen wir wohlbehalten unser erstes Ziel, wo wir
von Przemek, unserem lokalen Reiseleiter, herzlich willkommen geheissen werden.

Per Bus gelangen wir ins dünnbesiedelte Nordost-Polen nach Bialowieza, unserer ersten Station.
Im Hotel „Weymutka“, am Rande der Ortschaft gelegen, werden wir die nächsten fünf Tage logieren. In den
Büschen rings ums Haus singen viele Vögel, besonders der Sprosser ist markant.

Unsere Exkursionen werden uns in verschiedene Waldtypen führen, vom Erlenbruch über Nadelwald,
bewirtschaftete Mischwälder und unberührten Urwald. Da das Wasser noch recht hoch steht, bieten die
Erlenbrüche einen eindrucksvollen Anblick.

Der „Wisent-Rippenpfad“ führt durch einen Erlenbruch, der nicht bewirtschaftet wird und das Totholz kreuz
und quer liegt. Ein Paradies für viele Vogelarten. Halsbandschnäpper, Rotkehlchen, Zaunkönig sowie
Zilpzalp sind eifrig am Singen. Ein Dreizehenspecht erfreut uns mit seinem Erscheinen.

Abends besuchen wir ein Gebiet, das durch den örtlichen Vogelschutzverein mittels eines Dammes
wieder vernässt wurde, da durch das Sinken des Grundwasserspiegels der Schwarzstorch unter Nahrungs-mangel gelitten hat und der Bruterfolg die letzten Jahre stark zurückgegangen ist. Nun, durch das Steigen
des Wasserspiegels, sterben viele Bäume ab, welche wieder für die Spechte günstige Biotope bilden.
Kurz ausserhalb Bialowiezas entdecken wir zwei riesige Wisente am Waldrand, welch imposantes Bild.

Am nächsten Morgen erleben wir die Kernzone des Urwaldes mit ihren unzähligen Pflanzenarten,
und riesigen, uralten Bäumen, der Lebensraum für neun Spechtarten, sowie viele andere Vögel ist.
Bei -7° starten wir um 5 Uhr mit dem Frühstück im Rucksack. Es ist eine Wanderung durchs „Paradies“,
die Natur ist am Erwachen. Trotz der Kälte sind die Vögel schon recht sangesfreudig. Trauerschnäpper, Halsbandschnäpper, Rotkehlchen, Singdrosseln, Zilpzalp, Zaunkönig, Fitis, Buntspecht, Mittelspecht, Grünspecht, Weissrückenspecht, sowie Kleinspecht, alle erfreuen uns mit Ruf oder Anblick.
Bald sendet die Sonne ihre milden Strahlen durch das zarte Grün. Das Frühstück im Urwald, was kann romantischer sein? Das stehende und liegende Totholz mit Moosen, Flechten und Pilzen vermittelt ein Gefühl von Wildnis und Unberührtheit. Einen kurzen Abstecher unternehmen wir ans Ufer der Narewka.
Das kleine Flüsschen schlängelt sich durch ein wunderschönes Tal. Im Schilf erblicken wir das Blaukehlchen, die Rohrammer und den Schilfrohrsänger. Am zartblauen Himmel kreisen Schreiadler.
Auf dem Retourweg im Wald beobachten wir einen Mittelspecht auf Futtersuche.
Nachmittags fahren wir zu einem Beobachtungsturm an der Narewka und freuen uns an der schönen Aussicht. Michaela und Manuel haben das Glück, unterwegs einen Haselhahn zu erspähen.
Ferdi entdeckt vom Turm aus einen Wendehals, der sich längere Zeit bewundern lässt. Plötzlich richten sich alle Augen auf einen schwarzen Fleck, der sich aus dem Unterholz ans Ufer bewegt: Ein Biber! Und einige Zeit später noch ein zweiter. Am Bachufer entlang trippeln zwei Flussuferläufer und ein Waldwasserläufer.
Beim Einnachten löst sich ein Schatten aus dem Gebüsch: Ein Wildschwein betritt die Bühne und bald noch eines. Nun sind die Spektive gefragt, denn eine Bache wird von Frischlingen begleitet, die im Gras kaum zu sehen sind.

Am nächsten Tag besuchen wir den Stausee von Siemianowka, ein Rast- und Brutgebiet für viele Vogelarten. Schreiadler, Rohrweihen (min. 10), Wiesenweihen, Seeadler, Kraniche, Graugänse, Blässgänse, Silber- und Graureiher, Weiss- und Schwarzstorch, Lachmöwen, Haubentaucher, ein Zwergsäger-Weibchen, Trauer-, Weissbart- und Weissflügel-Seeschwalben, Kampfläufer, Waldwasserläufer, Wasserralle, Klappergrasmücke, Hänflinge, Fitis, Gold- und Rohrammern, Sprosser, Stieglitze, aber relativ wenige Enten – ausser Knäck-, Krick-, Reiher-, Schnatter-, Spiess- und Stockenten – sind anwesend. Das Highlight aber ist die Beutelmeise, welche eifrig an ihrem Nest baut.
Abends erleben wir einen der vielen Höhepunkte unserer Reise: Die Balz der DOPPELSCHNEPFE. Dieser
bereits seltene Vogel bietet uns ein unvergessliches Schauspiel in mitten einer sumpfigen Wiese.
Nachdem bereits Wiesenweihen und Braunkehlchen die „Bühne“ betreten haben, geht die Show los.
Es sind mind. 10 Doppelschnepfen an der Balz beteiligt. Aber, die Entfernung ist so gross, dass durch den Feldstecher nur kleine, weisse „Blitze“ zu sehen sind, wenn die Vögel beim Sprung die Flügel heben.
Durchs Fernrohr ist die Beobachtung natürlich viel eindrücklicher. Am Himmel steht der Mond hoch und beleuchtet die Szene, der Balzruf der Bekassine ertönt und eine Sumpfohreule fliegt daher. Was kann ein Ornithologenherz noch mehr erfreuen???

In der zweiten Ferienhälfte erkunden wir das Gebiet des Südbeckens des Flusses Biebrza. Eine ebenso
faszinierende Gegend wie der Urwald. Die endlosen Weiten und Wasserwelten lassen uns staunen.
Das Logis „Dwor Dobarz“ überrascht mit seiner wunderschönen Lage am Rande einer Lichtung mit Blick
auf noch vernässte Wiesen, auf der sich Kampfläufer und Lachmöwen tummeln.
Nicht sehr weit vom Hotel entfernt befindet sich ein wichtiger Brutplatz des SEGGENROHRSAENGERS,
den wir mit Ausdauer einige Male zu Gesicht bekommen.

Auf den nächsten Exkursionen erleben wir die unbeschreibliche Schönheit des Biebrza und Narewtales.
Das Auge erfasst die Weite und die Seele spiegelt sich in den Wasserflächen der noch überschwemmten
Wiesen. Wir werden von einem Aussichtsturm zum anderen geführt und können uns kaum sattsehen an der
Vielfalt der Vogelwelt. Bei Osowiec wandern wir durch ein Gebiet, das einige Höhepunkte bereithält. Blaukehlchen lassen sich mehrmals bewundern, eine Beutelmeise baut ihr Nest, Rohrschwirle singen und als Top wird ein Kleines Sumpfhuhn gehört. Welch ein Wetteifern, wer von den Teilnehmern den Vogel wohl sehen wird.

Eindrucksvoll sind die Schwärme von Kampfläufern, welche sich nur für kurze Zeit in der Nähe von Wizna aufhalten und schon ihre Balzrituale aufführen, ehe sie weiter in ihr Brutgebiet ziehen.
Eine Bootsfahrt auf der Narew setzt dem ereignisreichen Tag noch die Krone auf.

Der Wetterbericht meldet Regen, also gibt’s nur kurze Ausflüge und eine längere Pause im Hotel.
Von der Terrasse aus bewundern wir den Ausblick. Wo kann man so nahe am Haus Kampfläufer, Waldwasserläufer, Raubwürger, Kiebitze, Stieglitze, Lachmöwen, Hausrotschwänze, sowie einen Storch
im Garten beobachten??? Weshalb weit umherstreifen, wenn die Vögel zu uns kommen?
Es regnet in Strömen, nur Ferdi und Manuel sind unterwegs. Aber für sie hat sich der Einsatz gelohnt,
sie haben den WACHTELKÖNIG GESEHEN!

Gegen Abend, nachdem der Regen aufgehört hat, besuchen wir noch ein Brutgebiet der Weissflügelseeschwalben, Graugänse, Kiebitze und Höckerschwäne. Ein REGENBRACHVOGEL überfliegt uns, sowie über 20 Zwergschwäne.
Den Abschluss der heutigen Beobachtungen bieten noch die Waldschnepfe und die Nachtschwalbe.

Leider schlägt schon wieder die Abschiedsstunde, wir bedanken uns herzlich bei Przemek, der uns die Schönheiten seiner Heimat gezeigt hat und Adam, welcher uns sicher durch Wald und Wildnis gefahren hat. Es war erneut eine Reise der Superlative mit unvergesslichen Erlebnissen, auch dank schönem
Wetter und netten Mitreisenden

16.Mai 2010 Doris und Remo Metzger

Bild_2 1274278155
Bild_1 1274278155
Bild_3 1274278155